„Ich wurde für türkische Kebapverläufer gecastet“

Faris Endris Rahoma ist Schauspieler, Drehbuchautor, gefühlter Wiener und geborener Steirer. Für die Komödie „Die Migrantigen“ hat er mit seinen Kollegen eine Romy in der Kategorie Bestes Buch Kinofilm bekommen. Der Film thmeatisiert das Thema Rassismus – migrantische Gruppen werden filmisch überspitzt überzeichnet und sehr klischeehaft dargestellt.

Im Interview erklärt Rahoma, warum er genau diese Herangehensweise als wichtig empfindet, wo die Grenze von Humor und Witz verläuft und wie ausgeprägt der Rassismus es in der österreichischen Film- und Fernsehbranche ist.

von Lisa Lugerbauer, gesprochen von Paula Kolb

Akkordeon Inhalt

Filme sind Mittel der Kommunikation und Kommunikation ist immer verbunden mit Macht. Dessen ungeachtet sind wir daran gewöhnt, uns zurückzulehnen und Filme unkritisch zu betrachten – uns zu unterhalten. Das macht zu einem guten Teil die Macht von Filmen aus. Denn über Gefühle, Sehnsüchte und Ängste, die ein Film in uns auslöst, nehmen wir Informationen auf, häufen wir „Wissen“ an. Die Figuren auf Bildschirm und Leinwand, die wir bewundern oder verachten, mit denen wir lachen und weinen, denen wir uns nahe fühlen oder die uns fremd sind, haben Einfluss auf unser Leben. Sie helfen uns dabei zu bestimmen, wer wir sind, wie wir sein wollen und wie wir die Welt um uns herum betrachten.

Rassismus ist ein systemisches Problem, das so lange reproduziert wird und in Filmen zum Ausdruck kommt, solange angenommen wird, man selbst habe damit nichts zu tun. Die Intention eines Films kann dabei eine völlig andere sein als die Art und Weise, wie der Film tatsächlich aufgenommen und verstanden wird. Filme werden entsprechend gesellschaftlichen Diskursen, Ereignissen und Symbolen interpretiert und nicht zwingend danach, was der oder die Filmemacher*in damit bezweckt hat.

Rassismus in den eigenen Filmprojekten zu vermeiden erfordert Reflexion und strukturelle Veränderungen: etwa sich selbst nicht auszunehmen von den Strukturen, die Rassismus ermöglichen. Oder die Bereitschaft, eigene Privilegien, Entscheidungsmacht und Ressourcen zugunsten der Handlungsmöglichkeiten marginalisierter Menschen abzugeben. Oder aber die Umsetzung gleichberechtigter Formen der Zusammenarbeit anstelle einer Vereinnahmung von Migrant*innen für eigene Profite. Und schließlich insbesondere eine produktive Auseinandersetzung mit entsprechender Kritik an den eigenen Projekten“.

Musik in den Podcasts: Ketsa – Inspired (FMA)

„Jeder, der etwas veröffentlicht, übernimmt Verantwortung“

Andreas Steinkogler ist Filmemacher. Über einen seiner Filme sind wir bei der Recherche gestolpert, ein Film names Integrate. Er wurde bei „Klappe auf“ gezeigt, einer Vereinigung von österreichischen Filmschaffenden, die mit ihren Kurzfilmen auf die derzeitige politische Situation in Österreich aufmerksam machen möchten. 

Politik und Kunst, wie viel Überschneidung ist da möglich und warum engagieren sich Künstler politisch, diese Frage wollen wir beantwortet haben. Andreas Steinkogler kommt dafür zum Kaffee vorbei. Er spricht offen und ehrlich darüber, dass er sich selbst nicht als politischen Aktivisten sieht und auch mit dem Film kein Statement abgeben wollte. Die Menschen sollen den Film sehen und sich selbst ein Bild machen. Das und nicht mehr ist seine Intention. Warum er trotzdem „Integrate“ gemacht hat und sich darin mit dem Thema Kopftuch auseinandersetzt, erzählt er im Gespräch. 

von Karina Krenn, gesprochen von Paula Kolb

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Der Film „Roma“ handelt von einer Frau, die „gleich mehrfach ausgeschlossen ist: Weil sie arm ist, weil sie Ureinwohnerin ist und weiblich.“ Das sagte Alfonso Cuaron, der Regisseur über seinen Film, der heuer in Venedig den goldenen Löwen erhalten hat und auch für den Oscar nominiert ist.

„Alles ist Kunst und alles ist Politik,“ sagte Ai Weiwei, Chinas bekanntester Künstler der Gegenwartskunst. 2016 gestaltete er eine Installation aus 1005 Schwimmwesten von der Insel Lesbos im Barocken Bassin des Oberen Belvedere. Weiwei wollte damit auf das Schicksal vieler Flüchtlinge im Mittelmeer aufmerksam machen.

„Die Zivilgesellschaft hat Deutschlands obersten Hetzer ein Mahnmal gesetzt.“ (P. Ruch, ZPS). Das Zentrum für politische Schönheit errichtete 2017 ein, an das Holocaust-Denkmal in Berlin erinnernde, Mahnmal gegen die schleichende Normalisierung des Faschismus in Deutschland – auf dem Nachbargrundstück des AfD-Politikers Bernd Höcke in Thüringen.

Christoph Maria Schlingensief gründete 1998 die Partei „Chance 200“, die als Verschmelzung von Kunst und Politik gesehen werden kann. 2000 installierte Schlingensief im Rahmen der Wiener Festwochen einen Container, der an das Fernsehformat „Big Brother“ erinnern sollte und in dem sich Asylsuchende befanden. Passant*innen konnten Insaß*innen „hinaus-voten“ und damit entscheiden, wer das Land verlassen muss. Bei der Bundestagswahl 1998 in Deutschland erreichte die Partei 0,058% der Stimmen.

Günter Brus forderte im Jahr 1968 mit seiner Aktion „Der Staatsbürger Brus betrachtet seinen Körper“ nicht nur gesellschaftliche Normen heraus, sondern kritisierte auch den Staat Österreich. Er urinierte, masturbierte, schmierte sich mit Fäkalien ein und verletzte sich öffentlich. Der Künstler, der 2019 80 Jahre alt wird, bekam deswegen immer wieder Probleme mit den österreichischen Behörden. Um der Haftstrafe zu entgehen, floh er laut eigenen Aussagen 1968 von Wien nach Berlin.

Musik in den Podcasts: Ketsa – Inspired (FMA)

„Sprache als Schlüssel zur Integration? Nein. Da braucht es mehr“

Die Kultur wird über Sprache vermittelt, aber die Bedeutung, die Feinheiten und auch das Gefühl des Willkommenseins, da braucht es mehr zur Integration als Sprache allein, findet Ruth Wodak. Sie ist Sprachwissenschaftlerin derzeit Fellow beim Institut für die Wissenschaft vom Menschen in Wien. Sie forscht unter anderem im Bereich der politischen Rhetorik, 2016 hat sie ein Buch mit dem Titel „Die Politik der Angst“ veröffentlicht.

Wir sprechen über das politische Framing, über Sprachbilder und -muster, die bewirken, dass sich Menschen auf alte Geschichten berufen ohne sie in Frage zu stellen. Dies trägt dazu bei, dass Stereotype gebildet und ständig verfestigt werden. Sie fordert, dass es Bilder und Sichtweisen hinterfragt werden und sieht da auch die Medien in der Verantwortung. Und sie spricht noch ein weiteres Detail an: „Wem dient diese Aussage?“

Wie ein bestimmtes Weltbild aufgebrochen werden kann, erzählt sie im Gespräch.

von Karina Krenn, gesprochen von Paula Kolb

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2011/12 sind 26% der Kinder in Kinderbetreuungseinrichtungen aus nicht-deutschsprachigen Familien. Dieser Anteil stieg bis 2016/17 auf 32%. Die Sprachstandbeobachtung 2016 zeigte, dass 65% der 3-6-jährigen Kinder am Beginn des Kindergartenjahres ein altersgemäßes Deutsch sprachen und 35% Sprachförderungen brauchten. 

In Österreich werden rund 250 Sprachen gesprochen. Zu den meist gesprochenen Sprachen neben Deutsch gehören: Serbo-Kroatisch, Türkisch, Englisch, Ungarisch, Polnisch und Albanisch. Als Amtssprachen gelten in Österreich neben Deutsch auch noch: Ungarisch, Slowenisch und Burgenland-Kroatisch. 

Musik in den Podcasts: Ketsa – Inspired (FMA)

„Frauen leiden unter einer starken patriarchalen Hierarchie“

Emina Saric forscht aktuell zum Thema „Strukturelle Gewalt gegen Frauen am Balkan“. In Graz leitet sie das Projekt Heroes, dass junge Männer als Botschafter ausbildet, die dann gegen Unterdrückung und Gewalt an Frauen im Namen der Ehre in Schulen aufklären. Die eigenen Werte ständig zu hinterfragen, sowohl als Gesellschaft im Miteinander als auch als Individuum ist für sie eine klare Maßnahme, um in einer Gesellschaft zusammen zu leben, in der die Werte und Traditionen unterschiedlich sein können. 

Dass Frauen in Österreich nicht gleichberechtigt sind, ist ihrer Meinung eine Folge des strukturellen Patriacharts. Vor allem in kollektivistischen Gesellschaften sei dieses strukturelle Patriachart besonders ausgeprägt. Warum sie auch Karoline Edtstadler in einigen Punkten Recht gibt, erzählt sie im Interview.

von Karina Krenn, gesprochen von Paula Kolb

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Zu Jahresbeginn 2016 lebten über 812.000 im Ausland geborene Frauen in Österreich, das entsprach 18,4% der weiblichen Gesamtbevölkerung. 48,5% dieser Frauen kamen aus dem EU-Raum und der Schweiz, 51,5% wurden in einem Drittstaat geboren. Die häufigsten Geburtsstaaten waren hier: Bosnien und Herzegowina, die Türkei, Serbien und Rumänien.

Frauen mit ausländischer Staatsangehörigkeit sind im Vergleich zu Österreicherinnen sowohl im höchsten als auch im niedrigsten Bildungsniveau überrepräsentiert. Im Durchschnitt sind Frauen, die im Ausland geboren wurden, häufiger arbeitslos als Österreicherinnen und bekommen im Durchschnitt mehr Kinder.

Zwischen Jänner und November vergangenen Jahres sind 41 Frauen ermordet worden, die Täter waren meist Familienangehörige oder (Ex-) Partner. 2019 sind bereits 7 Frauen Opfer ihrer (Ex-) Männer geworden (Stand: 14.2.2019). Seit drei Jahren steigt die Mordrate an. Die Gründe für die Morde waren meist Eifersucht oder Rache. Der Falter legt in einer Statistik offen, dass die Anzahl ausländischer Täter überproportional zu jener von Österreichern steht. 

Staatssekretärin Karoline Edtstadler sagt „Im Zentrum“, dass Gewalt an Frauen ein miteingeführtes Problem von Migranten aus patriarchalen Strukturen sei und gewisse Wertehaltungen nach Österreich importiert werden.

Musik in den Podcasts: Ketsa – Inspired (FMA)

„Es braucht mehr Role-Models für Migranten. Auch in der Politik“

Alma Zadic sitzt für die Partei JETZT seit November 2017 im Nationalrat. Sie ist Anwältin, hat einen Doktortitel, hat in New York und Wien studiert und dann ist sie auch noch eines, auf das sie gern immer wieder angesprochen wird: Migrantin. 

Ihre Herkunft wird auch im Parlament gern thematisiert. Im Sommer letzten Jahres hält sie im Parlament eine Rede zum BVT, als der ÖVP Mandatar Johann Rädler sie unterbricht und sie daraufhin weist, dass sie nicht in Bosnien sei. Alma Zadic reicht es. Sie will solche Kommentare nicht länger hinnehmen.

von Karina Krenn, gesprochen von Paula Kolb

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Im derzeitigen Parlament (Stand Feb. 19) sitzen sechs Nationalratsabgeordnete mit Migrationshintergrund. Drei davon sind der SPÖ zugehörig, zwei der Partei Jetzt (ehemals: Liste Pilz) und einer ist parteilos (ehemals Liste Kurz). Bei insgesamt 183 Nationalratsabgeordneten entspricht das einem Prozentsatz von 3,3%.

Vergleicht man diese Prozentzahl mit der Gesamtbevölkerung, dann sind Migrant*innen im Parlament unterbesetzt. Die Gesamtbevölkerung weist einen Migrationsanteil von 22,1% auf. Da viele Migrant*innen aber keine österreichischen Staatsbürger sind, dürfen sie oft nicht wählen bzw. zur Wahl antreten. Über 1 Million Menschen, die in Österreich leben, sind von der Wahl ausgeschlossen. Deutsche, Serben und Türken führen die Liste der Nicht-Wahlberechtigten an.

Musik in den Podcasts: Ketsa – Inspired (FMA)

Anzahl der gemeldeten rassistischen Vorfälle im Netz steigt jährlich an​​

Anna Schreilechner arbeitet seit über einem Jahr bei ZARA, einem Anti-Rassismusverein. Sie ist dort unter anderem für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Wer rassistisch beleidigt wird, kann das bei dem Verein melden und bekommt Beratung, Unterstützung und Hilfe bei möglichen Klagen vor Gericht. Hass im Netz ist besonders stark vertreten, das dokumentiert ZARA in seinem jährlichen Rassismus-Report

Und dagegen geht ZARA vor – derzeit gerade aktuell mit künstlicher Intelligenz, die automatisiert Hasswörter erkennt. Eine Woche bevor wir uns zum Gespräch treffen, ist deswegen der Twitteraccount von ZARA gesperrt worden. Wie es dazu kam, erzählt sie selbst.  

von Karina Krenn, gesprochen von Paula Kolb

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1.162 rassistische Vorfälle haben die Kolleg*innen der Beratung im Jahr 2017 dokumentiert, rechtlich eingeschätzt, bearbeitet sowie Opfer und Zeug*innen beraten. Das bedeutet eine Steigerung zum Vorjahr, 2016 waren es 1.107 Fällen.

Besonders stark ist das Vorkommen von Hass im Netz, von allen gemeldeten Vorfällen machen diese 38% aus. Speziell gegen Muslime hat sich der Hass im Netz und auch offline manifestiert.

Hass im Netz nimmt seit Jahren zu. Neben rassistischen Äußerungen im Netz werden bei ZARA auch Beschmierungen im öffentlichen Raum, Politiker*innenaussagen und Medienberichte, Polizeiarbeit, rassistische Reaktionen auf Anti-Rassismusarbeit, Beschäftigungsverhältnisse und Dienstleistungen, wie Wohnen oder Gastronomie dokumentiert.

Bei ZARA kann sich jede*r melden, der sich rassistisch und/oder sexistisch behandelt fühlt. Die Meldungen können anonym gemacht werden. Betroffene werden von Mitarbeiter*innen vertraulich und kostenlos beraten. ZARA kümmert sich auch darum, den Wahrheitsgehalt einer Sachverhaltsbeschreibung zu prüfen und die Sicht der Gegenseite einzuholen. Wenn Sachverhalte gegen das Gesetz verstoßen, kümmern sich ZARA-Mitarbeiter*innen um die rasche Entfernung und unterstützen Betroffene, wenn sie Anzeige erstatten wollen. Im Oktober 2018 wurde gemeinsam mit Sigi Maurer ein Rechtshilfemittel-Fond eingerichtet, mit dem zivilrechtliche Klagen bei Fällen von Hass im Netz finanziert werden können.

Musik in den Podcasts: Ketsa – Inspired (FMA)

„Es kommt selten vor, dass Österreicher einen zu sich nach Hause einladen“​​

Claire ist Irin und lebt seit sieben Jahren in Österreich. Sie arbeitet in einer internationalen Organisation. Unser Gespräch findet im Gastgarten eines Cafés im 1. Bezirk statt. Es ist mitten in Wien im Sommer. Der Sommer, in dem Wien zum wiederholten Mal zur lebenswertesten Stadt der Welt gekürt wird. Claire schreibt einen Artikel in der Irish Times darüber und stellt darin allerdings die Frage, für wen Wien die lebenswerteste Stadt ist. 

Sie spricht über die österreichische Mentalität, dass man als “Ausländer” selten nach Hause zum Essen eingeladen wird und davon, dass rumänische Freund*innen von ihr sich schwerer tun eine Wohnung zu finden. 

von Karina Krenn, gesprochen von Paula Kolb

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2015 gab es 214.400 Zuzüge nach Österreich, 91.600 davon kamen aus EU-Staaten. Sie dürfen im Rahmen der Niederlassungsfreiheit in Österreich ohne Visum wohnen und arbeiten. 

2018 leben in Wien 63 Prozent österreichische und 37 Prozent ausländische Staatsbürger*innen, wovon 250.820 aus EU-Mitgliedsstaaten und 447.570 aus Drittstaaten sind. 

EU-weite Zu- und Abwanderung

4,3 Millionen Menschen wanderten 2016 in einen EU-Mitgliedsstaat ein. Gleichzeitig verließen mindestens drei Millionen Menschen einen EU-Mitgliedstaat (Statistik Eurostat 2016). Von den 4,3 Millionen Einwander*innen waren der Statistik zufolge zwei Millionen Drittstaatsangehörige. 1,8 Millionen Menschen verlagerten ihren Wohnsitz innerhalb der EU. Österreich zählte in diesem Jahr zu einem jener EU-Länder, in dem die Zahl der Einwander*innen höher lag als die der Auswander*innen. 

Insgesamt lebten Anfang 2017 fast 22 Millionen Drittstaatsangehörige in der EU, das entspricht 4,2 Prozent der EU-28-Gesamtbevölkerung. 

In Österreich lebten am 1. 1. 2017 1.333.200 Staatsangehörige eines Mitgliedsstaats der EU, Drittstaatsangehörige sowie Staatenlose. Das entspricht 15,2 Prozent der Gesamtbevölkerung. 7,5 Prozent sind aus einem EU-Mitgliedstaat, 7,7 Prozent Drittstaatsangehörige und 0,1 Prozent Staatenlose. Die fünf häufigsten Nationalitäten in Österreich sind Deutschland (13,6 Prozent), Serbien (8,9 Prozent), Türkei (8,8 Prozent), Bosnien und Herzegowina (7,1 Prozent) und Rumänien (6,9 Prozent). 

Musik in den Podcasts: Ketsa – Inspired (FMA)

„Ich kenne Leute, die warten schon seit Monaten auf ihr Visum“​

Ilkhan ist türkischer Staatsbürger und lebt seit sechs Jahren in Wien. Er hat einen dauerhaften Aufenthaltstitel. Bis er den erhielt, vergingen einige Jahre mit jährlichen Visa-Verlängerungsanträgen und dadurch mit vielen Besuchen bei österreichischen Behörden. 

Seine Erfahrungen mit den Behördenmitarbeiter*innen sind unterschiedlich, oft fühlte er sich nicht gut behandelt und manchmal schlicht als Nummer abgefertigt. Die österreichische Staatsbürgerschaft möchte er nicht beantragen, sagt er. Warum, erzählt er in diesem Gespräch. 

von Karina Krenn, gesprochen von Paula Kolb

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Die Hälfte der Zuwanderung kommt aus Drittstaaten

Drittstaatsangehörige, die länger als sechs Monate in Österreich bleiben wollen, brauchen eine Aufenthaltsgenehmigung, die dem Zweck des Aufenthalts entspricht. Es gibt vorübergehende, befristete und unbefristete Aufenthaltstitel. Grundsätzlich gelten die befristeten für zwölf Monate. Wer ununterbrochen seit mindestens fünf Jahren in Österreich einen Aufenthalt hat, kann einen Daueraufenthalt beantragen. 

Pro Jahr gehen beim MA35 rund 80.000 Anträge auf einen Aufenthaltstitel von Drittstaatsangehörigen ein. 

2015 wurde 28.100 Drittstaatsangehörigen ein erstmaliger Aufenthaltstitel in Österreich gewährt. 1.300 kamen als Schlüsselarbeitskräfte nach Österreich und erhielten den Aufenthaltsstatus „Rot-Weiß-Rot-Karte“ oder „Blaue-EU-Karte“. 14.900 Menschen aus Drittstaaten kamen im Zuge einer Familienzusammenführung. 9.200 Personen waren Schüler*innen, Student*innen, Geistliche, Au-Pairs oder Forscher*innen. 700 Menschen waren als Saisonkräfte in Österreich. 

Am 1. 1. 2016 waren etwa die Hälfte der ausländischen, in Österreich wohnhaften, Bevölkerung Menschen aus Drittstaaten (50,7 Prozent). Im Vergleich zum Jahr davor erhöhte sich der Zuwachs um 0,5 Prozent leicht. 43 Prozent der Drittstaatsangehörigen haben einen unbefristeten Daueraufenthalt, 22 Prozent einen befristeten Aufenthaltstitel und vier Prozent eine vorübergehende Aufenthaltsbewilligung. Die restlichen 31 Prozent verteilen sich auf Menschen in laufenden Asylverfahren, anerkannte Flüchtlinge und Saisonniers. 

 

2018 leben in Wien 63 Prozent österreichische und 37 Prozent ausländische Staatsbürger*innen, wovon 250.820 aus EU-Mitgliedsstaaten und 447.570 aus Drittstaaten sind. 

Musik in den Podcasts: Ketsa – Inspired (FMA)

„Was sind schon Wurzeln?“​

Die Frage nach der Herkunft eines Menschen wird bei einem Kennenlernen oft gestellt. Aber was sagt Geburtsort über einen Menschen aus und ist das wichtig? 

Wir haben Universitätsprofessorin Annemarie Steidl gefragt, wo die Wurzeln von „echten“ Österreicher*innen, von „echten“ Österreicher*innen liegen, warum Migration wichtig ist und wie sich Österreich und im speziellen Wien im letzten Jahrhundert verändert hat. 

von Lisa Lugerbauer, gesprochen von Paula Kolb

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In Österreich leben rund 8,8 Millionen Menschen. Ohne Zuwanderung werden es 2040 nur 8,5, 2080 nur 6,63 Millionen sein. Laut Prognosen werden selbst mit Zuwanderung 2080 knapp zehn Millionen Menschen in Österreich leben, davon 2,3 Millionen in Wien. Vor über hundert Jahren, im Jahr 1910 sollen 2,1 Millionen in Wien gelebt haben. Kurz nach dem Weltkrieg sogar 2,35 Millionen. 

Zunahme im Osten 

Vor allem in den östlich gelegenen Bundesländern soll es zu einem Bevölkerungsanstieg kommen. Einzig allein in Kärnten, prognostizieren Expert*innen einen Verlust von Einwohner*innen. Bereits 2020 soll Salzburg Kärnten überholt haben. Besonders in der Bundeshauptstadt könnte es eng werden. Denn der Wohnraum ist knapp. Lösungsansätze gibt es. Laut Arbeiterkammer könnten durch eine Verdichtung des Wohnraums über 100.000 neue Wohneinheiten geschaffen werden. Solche Pläne stoßen jedoch oft auf Widerstand seitens der Anrainer*innen. Laut Zahlen der WKO hängen in Wien derzeit Projekte mit insgesamt rund 20.000 Wohnungen durch Widerstand der Anrainer*innen und wegen Behörden fest.

Änderung in der Bevölkerungsstruktur

Die österreichische Bevölkerung wird immer älter. Das Geburtensaldo, also die Differenz zwischen Geburten und Sterbefällen, wird ab 2025 negativ werden und laut Prognosen bis 2080 auch negativ bleiben – auch mit Migration. Bei der Fertilitätsrate wird allerdings mit einem Anstieg von 1,53 Kindern auf 1,6 pro Frau gerechnet. 

Entwicklung der Asylanträge

1956 gab es aufgrund des ungarischen Volksaufstands seit jeher die höchste Zahl an Asylanträgen in Österreich. Damals suchten 150.000 Menschen in Österreich Asyl. Der Prager Frühling, zwischen 1968 und 1969 führte zu einer Massenfluchtbewegung in Europa. In Österreich wurden damals allerdings sehr wenige Anträge gestellt. Zwischen 1987 und 1991 erhöhte sich die Anzahl der Asylanträge aufgrund des Zusammenbruchs des kommunistischen Systems in Osteuropa leicht. Darauf folgte der Bürgerkrieg des ehemaligen Jugoslawiens, der für eine höhere Anzahl an Asylanträgen in Österreich führte.

2015 gab es die meisten Asylanträge seit 1965

 

Als 1998 der Krieg im Kosovo ausbrach und mehrere Kriege rund um Tschetschenien, kamen wieder vermehrt Flüchtlinge nach Österreich. Im Zeitraum von 1998 und 2003 wurden die bis dahin meisten Asylanträge seit 1956 in Österreich gestellt. Bis 2015 – in diesem Jahr suchten 88.340 Menschen um Asyl in Österreich an. Seit diesem Jahr geht die Zahl der Anträge stark zurück. Zuletzt waren es 13.400 im Jahr 2018 (Stand 30. November).

Musik in den Podcasts: Ketsa – Inspired (FMA)

Kriegstrauma – Wer hilft?

Im Betreuungszentrum Hemayat werden schwer kriegstraumatisierte Menschen psychotherapeutisch, psychologisch und auch medizinisch betreut. Die Patient*innen haben teilweise alle ihre Angehörigen verloren, wurden gefoltert oder vergewaltigt. 

Im Gespräch mit der Psychotherapeutin Barbara Preitler wollen wir verstehen, ob Menschen, die derart Schlimmes erlebt haben, jemals wieder ein Gefühl von Sicherheit vermittelt werden kann. 

von Lisa Lugerbauer, gesprochen von Paula Kolb

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Der Verein Hemayat wurde 1995 gegründet. Im Jahr 2018 konnten 1.353 Menschen, darunter 209 Kinder und Jugendliche aus insgesamt 51 Ländern, betreut werden. Die meisten Menschen sind zwischen 30 und 50 Jahren und kommen aus Afghanistan, Tschetschenien, Syrien und dem Irak. Aber auch einige wenige Menschen aus China und Weißrussland werden hier betreut. Insgesamt wurden knapp 15.000 Betreuungsstunden geleistet. Die meisten, die hier Hilfe suchen kommen durch Mundpropaganda. Die Warteliste für eine Betreuung ist lang. 

Psychotherapie auf Krankenschein

Psychotherapien sind teuer. Eine Sitzung kostet in Wien zwischen 60 und 130 Euro. Zwar bezahlen seit 2001 die Wiener Krankenkassen die „Psychotherapie auf Krankenschein“ fast vollständig, jedoch nur unter der Bedingung, dass eine ärztlich diagnostizierte psychische Störung vorliegt – und der Voraussetzung, dass der*die Patient*in eine Krankenversicherung hat. Bei Hemayat  werden die Patient*innen gratis behandelt. Finanziert wird das Betreuungszentrum durch Spenden und Kooperationen wie zum Beispiel mit „Ärzte ohne Grenzen“. 

Musik in den Podcasts: Ketsa – Inspired (FMA)