„Konsent ist Alles“

Ja heißt Ja und ein Vielleicht kann auch ein Nein sein. „Konsens“, selbstbestimmte Sexualität, nennt Jana Studnicka das oberste Prinzip, das am Festival „Intimate Revolution“ gelebt wird. Polyamorie und Tantra-Workshops können nur stattfinden, wenn jeder seine Grenzen kennt. Aber den Veranstalter*innen des Festivals geht es um mehr: Eine positive Einstellung zum Sex. Bereits zum zweiten Mal findet das Festival in Wien statt. Wir haben mit Jana Studnicka für den Feminismus-Schwerpunkt über Sexpositivity, Konsent und gesellschaftliche Klischees gesprochen. Herausgekommen ist unter anderem ein Beratungsgespräch für besseren Sex.
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Studnicka (*1990) hat in Salzburg und Graz Molekularbiologie und Medizin studiert. Während des Studiums hat sie mit dem Verein „Achtung, Liebe!“ Aufklärungskurse in Schulen gehalten und unter anderem in Indien medizinische Arbeit geleistet. Nach dem Abschluss des Medizinsstudiums war sie bis 2018 Vorstandsvorsitzende der Schwelle, einem Sex-positive Verein in Wien. Seit vergangenem Jahr kümmert sie sich vermehrt um Sex-positive Veranstaltungen und gründete unter Anderem das Intimate Revolution Festival, dass im Mai erstmals stattfindet.

von Stefanie Braunisch

Jana Studnicka mit Hut
Fotocredits: Jana Studnicka

Das Intimate Revolution Festival ist ein Sexpositive-Festival. Was genau kann man sich darunter vorstellen?

Bei uns geht es um Initimität, Beziehung und selbstbestimmte Sexualität. Viele Räume für Sexualität werden von älteren Menschen gegründet und ich finde, die weibliche Perspektive fehlt noch ein bisschen. Wir fangen das Festival mit einem Symposium an, danach gibt es unterschiedliche Workshops und Parties. Bei den Workshops ist es super, dass wir mit Experten zusammenarbeiten können, die sich seit Jahren mit Tantra oder Polyamorie beschäftigen. Es gibt natürlich auch Räume für Sex, aber das steht nicht im Vordergrund. Im Vordergrund geht es aber darum, Zwischenmenschlichkeit zu beleuchten. Deshalb muss auch jeder vor der Teilnahme beantworten, was er unter Konsent versteht.

Was wäre beispielsweise deine Definition?

Konsent bedeutet für mich, dass ein Ja ein Ja ist, das ein Nein ein Nein und das ein Vielleicht im Zweifelsfall auch ein Nein ist. Das ich mein Gegenüber wirklich wahrnehme und auf deren Grenzen und meine eigenen achte und nicht versuche, die zu überschreiten. Sondern wirklich zu mir selber stehe.

Ein Vielleicht sollte also häufiger als Nein verstanden werden. Wie kann man das auch gleich besser so ausdrücken?

Für mich ist Nein ein Ausdruck, die Grenzen zu setzen und zu sich selber zu stehen. Es ist immer ein Akt der Selbstliebe und gleichzeitig etwas sehr Mutiges. Weil nur ein Mensch, der Nein sagen kann, auch wirklich ja sagen kann.

Hast du das Gefühl, dass dieser Ansatz so auch in der Gesellschaft verbreitet ist?

Wenn ich mit Freunden und innerhalb meiner Sex-positiven Community diskutiere, sind alle auf Konsent ausgerichtet. Andererseits bin ich bei einem Tinder-Date wieder genau in der Situation, dass ich mit Unverständnis konfrontiert bin, wenn ich etwas nicht möchte. Ich merke dann immer wieder, dass es noch nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist.

"Konsent bedeutet für mich, dass ein Ja ein Ja ist, das ein Nein ein Nein und das ein Vielleicht im Zweifelsfall auch ein Nein ist."
Jana Studnicka

Selbstermächtigung durch Grenzen setzen

Wirkt sich Konsent deiner Meinung nach auf die Qualität des Sexuallebens aus?

Konsent ist für mich das Mittel, um zu Selbstermächtigung zu finden. Außerdem macht es Sexualität besser, zu sich selber zu stehen und auch klar zu verstehen zu geben, was man möchte oder nicht. Wobei es auch wichtig ist, diese Grenze auch nicht für eine andere Person zu überschreiten.

Wenn wir schon bei Selbstbestimmung sind: Bei sexueller Belästigung kann man die Grenzen nicht selbst setzen. Beispielsweise, wenn einem jemand auf der Straße nachpfeift. Wie wehrt man sich in so einem Fall am besten?

Ich glaube, am einfachsten ist Zurückschreien. Ganz vielen Bullies müssen Grenzen gesetzt werden. Wenn sie versuchen, mich in eine Situation zu bringen, in der ich mich nicht wohlfühle, kann ich das auch. Und zurückschreien würde schon helfen. Die andere Seite ist, sich eben klar zu werden, woher das kommt und in welche Richtung ich dann Zeichen setzen.

Konsent ist also die Basis von selbstbestimmten Sex. Das klingt einfach – aber wie sieht es in der Praxis aus? Kommen wir also zu den Fragen, die in keinem Gespräch über Sex fehlen dürfen.

Wenn es jetzt um Sex selbst geht: Wie kommt man zu gutem Sex?

Eine sehr persönliche Frage, aber alleine durch ihre Arbeit wird Studnicka mit unterschiedlichsten Ansichten dazu konfrontiert. Einiges mag zwar aus der persönlichen Erfahrung stammen, doch vieles kommt sicher aus den regelmäßigen Gesprächen mit anderen Sexpositivity-Aktivisten.

Pause. Studnicka denkt kurz nach und beginnt kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: Wahrscheinlich eine gute Psychotherapie.

Die Antwort ist so naheliegend und gleichzeitig unerwartet, dass wir darüber lachen müssen.

 Soll das heißen, wir alle sollten eine Psychotherapie machen?

Man kann auch einfach zu Workshops gehen. Mir hat es eine Zeit lang sehr geholfen, zu Stammtischen wie zu Polyamorie zu gehen und sich mit anderen Formen der Liebe und Zwischenmenschlichkeit auseinander zu setzen. Um sich diesen Fragen anzunehmen, und zu schauen, auf welchen Ebenen man ihnen begegnen kann. Ich glaube, dass Psychotherapie sehr helfen kann. Auf jeden Fall ist es wichtig, in diese Selbstreflexion zu kommen, egal ob man meditiert oder Tagebuch schreibt.

"Am einfachsten ist Zurück-schreien. Ganz vielen Bullies müssen Grenzen gesetzt werden."
Jana Studnicka

Guter Sex fängt bei dir selbst an

Alles Dinge, die man für selbst alleine tun kann, um eine positivere Einstellung zum Sex oder einfach auch besseren Sex zu bekommen. Aber: Wie sehr hängt guter Sex vom Partner ab?

Aus meiner Erfahrung heraus kann man de facto mit jedem Menschen guten Sex haben, wenn man mit sich selbst im Reinen ist. Andererseits kommt es auch wirklich auf die persönliche Beziehung an. Für mich gehört auch dazu, ob das Gegenüber wirklich Intimität zulassen kann und präsent ist. Das ist für mich der Unterschied zwischen gutem und schlechten Sex. Wenn das nicht so ist, fühlt man sich vorher und nachher leer.

Also Sex ist eher eine Frage der Einstellung und damit irgendwie auch eine Kopfsache?

Ja. Ich glaube auch, weil Sexualität in unserer Gesellschaft so lange unterdrückt wurde. Wir hatten diese sexuelle Revolution und wir haben den Sex befreit und jetzt hatten wir diese oberflächliche Befreiung. Aber diese Scham- und Schuldgefühle stecken noch so in uns drinnen. Auch weil Pornographie und der Leistungsdruck im Prinzip nur oberflächliche Performance sind.

Ist dieses Scham- und Schuldgefühl wie zwischen Heiliger und Hure etwas klassisch Weibliches?

Ich habe in der Schule mit Jugendlichen gearbeitet und da ist dieser Druck genauso. Wenn einer ein Foto von Brüsten haben will, kann sie ja sagen und eine Schlampe sein. Wenn sie nein sagt, ist sie prüde. Das Ziel wäre es, sich einfach wohl zu fühlen und nicht als Erwartung zu dienen. Deshalb ist es so wichtig, sich von Erwartungen loszusagen und zu sich selber zu stehen.

"Die Gesellschaft muss noch viel lernen"

Was kann man machen, um diese Einstellung zu verbreiten?

Ich glaube, wir könnten da als Gesellschaft auf jeden Fall dazu beitragen, dass Menschen wissen was sie wollen und wie sie das kommunizieren können. So wie wir jetzt als Gesellschaft Menschen haben, die ganz sicher wissen, welches Essen sie wollen oder wo sie wohnen wollen. Wobei wir bei Sexualität und Intimität als Gesellschaft noch mehr lernen können. Auch weil Konsent und sexuelle Selbstbestimmung noch wahnsinnig jung sind. Vergewaltigung innerhalb der Ehe war 1997 noch vollkommen in Ordnung und die Pille gibt es auch erst seit fünfzig Jahren. In Afghanistan dagegen ist es noch heute festgelegt, dass die Frau mindestens alle vier Tage mit dem Mann schläft.

Studnicka hat Konsent, Sexualität und Intimität als Themen souverän durchbesprochen. Was sich wie aufgelegte Fragen anfühlt, ist durch die Antwort gar keine blöde Frage mehr. Geduld gehört eindeutig zu ihren Stärken. Die Ungleichheit bewegt sie aber merkbar. Also weiter mit den besseren Aspekten der Entwicklung.

Das Beispiel mit Vergewaltigung in der Ehe vergessen Menschen oft. Was hat sich denn aktuell verändert, wenn man #metoo berücksichtigt?

Ich glaube, Sexualität und sexuelle Gewalt sind noch immer wahnsinnig scham- und schuldbehaftete Themen und dass wir beginnen erst das auszuarbeiten. Nach wie vor sind 91% der Vergewaltigungsopfer weiblich und 99% der Täter männlich. Es ist wahrscheinlich für Frauen und auch für Männer ein Prozess, hinzuschauen und das nicht nur unter den Teppich zu kehren. Gleichzeitig müssen wir verstehen, warum es dazu gekommen ist. Warum wir als Spezies überhaupt das Verlangen danach haben, uns gegenseitig diese Art von Gewalt anzutun.

"Nach wie vor sind 91% der Vergewal-tigungsopfer weiblich und 99% der Täter männlich."
Jana Studnicka

Mehr Machtgefühl als Lust

Wie sehr hängen rohe Sexualität und der Mangel an Nähe da zusammen?

Wenn Menschen das Gefühl haben, die Nähe nicht unter Kontrolle zu haben, führt das bei Männern häufig zum Gefühl, das Versprochene nicht zu bekommen. Es zeigen auch psychologische Studien, dass es bei sexuellen Übergriffen mehr um Macht als Lust geht, als das könnte zusammenhängen.

Wenn man jetzt am Diskurs arbeiten möchte: Kann ein offener Umgang mit eigenen Erfahrungen wie Vergewaltigungen und Abtreibungen oder auch mit positiven Erfahrungen wie Dreiern dabei helfen, mit Vorurteilen aufzuräumen?

Ja, auf jeden Fall. Es ist ganz wichtig, dieses Stigma eben aufzulösen und einfach anzuerkennen, dass Sexualität im Vergleich zu anderen Tieren für uns als Menschen wahnsinnig wichtig ist. Im Moment sind wir aber ein bisschen in einer Gesellschaft, die Oversexed and underfucked ist. Das ist in den Medien und der Werbung sehr allgegenwärtig. Dieser Diskurs findet auf einer sehr oberflächlichen Ebene statt, von der wir noch in die Tiefe gehen müssen, um in Zukunft die Selbstbestimmtheit der einzelnen Menschen leichter an zu erkennen.

 

Die Einstellung zu Sex ist also das Entscheidende für Studnicka. Intimität und Körperbewusstsein profitieren davon, wenn man seine eigenen Bedürfnisse kennt – und kommunizieren kann. Vielleicht sollte der Zugang ja eher auf Selbstreflexion gelegt werden. Denn nur wer sich selbst kennt, kann eigene Wünsche umsetzen und Grenzen setzen. Damit das leichter geht braucht es aber eben mehr Offenheit für das Thema. So gesehen bleibt wohl nur eines zu tun, um das zu beeinflussen: Let’s talk about Sex. 

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