Kurz gefragt mit Doron Rabinovici

Am 18. Dezember war der Schriftsteller und Intellektuelle Doron Rabinovici zu Gast bei „Kurz gefragt“. Schon mehr als einen Monat hat er sich auf diesen Tag gefreut, denn der 18. Dezember 2018 war der erste Jahrestag der Angelobung der Regierung Kurz und mit der hat Rabinovici keine Freude; sie belebt auch nicht sein Geschäft, obwohl er doch auch ein Kriegsgewinner sein könnte. Vor allem aber ist eines vor dem Gespräch abgemacht: Sitzengeblieben. 

Von Maximilian Brustbauer.

Doron Rabinovici bei Kurz gefragt
Foto: Demir Black

[Das Interviewgespräch wurde bei der Verschriftlichung zur besseren Lesbarkeit leicht verändert.]

Herr Rabinovici, die ersten Fragen sind sehr kurz, sie bestehen nur aus drei Worten: Was bedeutet Aufrichtigkeit?

Aufrichtig ist einer, der versucht eine gewisse Wahrhaftigkeit sich selbst gegenüber einzuhalten und den eigenen Positionen treu zu sein, es sei denn, es sind Positionen der Lüge, dann kann er per se nicht aufrichtig sein. Aber sonst würde ich das so sagen. 

Die zweite Frage: Was bedeutet Ehrlichkeit?

Naja, ich glaube, das ist schwer für mich, zwischen den beiden Begriffen zu unterscheiden. Ich glaube, … 

… das Publikum erlächelt sich eine kurze Pause … Dann wird Sie die dritte Frage auch wieder aufs Glatteis führen, die ist nämlich ähnlich. 

Ok, das hatte vielleicht bei der Ehrlichkeit noch etwas mehr mit der Wahrhaftigkeit zu tun. Der Versuch, sich nicht selbst zu belügen und auch die anderen nicht zu belügen. Vielleicht bei der Aufrichtigkeit: sich selbst nicht zu belügen; und bei der Ehrlichkeit: nicht zu lügen. 

Und was bedeutet dann Mündigkeit?

Bei der Mündigkeit kommt es darauf an, über welche Mündigkeit wir überhaupt sprechen. Das ist Selbstverantwortung, Eigenverantwortung, Selbstbestimmung und zu dieser fähig sein, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. 

Man merkt, Sie haben sich diese Fragen schon einmal gestellt. Die vierte Frage ist jetzt schwieriger: Was bedeutet Doron Rabinovici?

Ähm, … DR räuspert leichtlaut, um sich eine Pause zu nehmen … naja, höchstwahrscheinlich schreibe ich deswegen, um drauf zu kommen, was das ist. Das ist sicherlich etwas, was noch offen ist. Also ich habe gewisse Fragen schon gelöst, bevor ich auf die Welt kam. Das heißt, was Doron Rabinovici ist, ist teilweise schon geklärt, durch Dinge, die vor meiner Geburt passiert sind. Und das hat mit meiner Familiengeschichte zu tun, mit Morden, die passiert sind, bevor ich geboren wurde. Aber meine voll ausformulierte Identität und was ich bin, das wird allenfalls auf meinem Grabstein stehen und bis dahin ist noch ein Wörtchen von mir dazuzufügen oder mehrere. 

« Ich bin einer, der zweifelnd schreibt. »

Diese Antwort habe ich im Zuge der Recherche schon bei zwei Interviews gehört, aber das ist ja okay, weil das haben ja nicht alle im Publikum gelesen. Mir ist aufgefallen, dass Sie manche Antworten noch nicht gegeben haben, weil Sie die Fragen noch nicht gestellt bekommen haben. Bei Kurz gefragt geht es ja darum, wer ist der Mensch, den wir hier begrüßen dürfen. Deshalb habe ich ein paar Teile eingebaut, die wirklich nur auf Ihre Person abzielen. Der erste ist jetzt: bitte teilen Sie ihr Talent zwischen 1 – sehr schlecht und 10 – sehr gut ein, bei fünf Begriffen, nein, sechs Begriffen. Ihr Talent als politischer Agitationsredner.

 in Stille nachdenkend … Zwischen sechs und sieben. Sieben ist gut?

Zehn ist gut. 

Zehn ist gut?! Dann zwischen sechs und sieben. 

Das gute Gewissen der Gesellschaft.

… schmunzelnd sagt DR nichts …

Wir projizieren ja mit diesen Fragen auch auf Sie, also während der Recherche kam das einmal.

Naja, da bin ich durchschnittlich, fünf.

Schriftsteller.

… jetzt lacht das Publikum gemeinsam mit DR, doch sehr genüsslich … Das, also da entschlage ich mich, das kann ich nicht sagen, das weiß ich nicht, das müssen die, die lesen, herausfinden. Bei mir kommt es darauf an, ob ich an dem Tag geschrieben habe oder nicht. Heute habe ich geschrieben. Heute kann man sagen, für den heutigen Tag ist acht angesagt. Aber für andere Tage würde ich sagen, wenn ich nicht schreibe, bin ich nicht zufrieden mit mir als Schriftsteller, dann bin ich unter fünf. 

Das heißt an Tagen, an denen Sie nicht schreiben, … 

… und zu schreiben versucht habe …

… da denken Sie nicht: heute hätte ich aber eine zehn machen können, wenn nicht etwas dazwischengekommen wäre. Da steigt nicht das Selbstvertrauen?

Meine Arbeitsvoraussetzung ist eigentlich eine Unzufriedenheit. Ich bin nicht einer jener, die sicher schreiben, sondern einer, der zweifelnd schreibt. 

Ihr Talent als Bürger.

Ein Citoyen. … hält einem Citoyen gemäß zum Ein-/Ausatmen inne … Doch ich glaube sieben bis acht. 

Nur?

… jetzt lacht er ein bis jetzt unbekanntes und auch unerwartetes Lachen, etwas spitzbübisch, auf alle Fälle überraschend jung, fast jungenhaft, die Stimme glickst nach oben und so schiebt er ein helles Wort als fragende Antwort nach … Ja?! …und das Publikum stimmt zufrieden zu …

Ihr Talent als Österreicher. 

Unterdurchschnittlich. Vier. 

Würde Ihnen jemand einfallen, der eine Zehn verdient hätte. Wir nehmen das Gespräch ja auf, also nur kein Blatt vor dem Mund nehmen.

Vor kurzem hatte ich eine Diskussion mit Heinz Fischer und wenn man jetzt den amtierenden Bundespräsidenten ausnimmt, dann ist Heinz Fischer ein Österreicher durch und durch; ein richtiger Patriot im Sinne des Nicht-Nationalen.

Letzte Frage zum Talent: Handwerker.

Handwerker insgesamt, so für alle Sachen?

Ja, was man so machen kann, mit einem Werkzeugkoffer.

Außer Schreiben?

… wie wunderbar diese Frage, aber natürlich … Außer Schreiben. 

Naja, drei. 

Dann werden sie einige der noch kommenden Fragen lieben. … und zufrieden schmunzelnd der ganze Raum … Jetzt kommen ein paar zugespitzte Fragen, wir haben ja ausgemacht, Sie stehen nicht auf.

« Ich glaube nicht, dass ich ein Gutmensch bin. »

Sie aber auch nicht. 

… weiter mit dem kollektiven Lachen … Kommt auf Ihre Antworten an, aber ich gehe mal davon aus, das nicht. Die erste Frage also: Sind Sie der Entertainer der Gutmenschen? 

… unterbrechend, aber eine gute Unterbrechung, weil er sagt …  Eine interessante Frage.

Jan Böhmermann ist es ja quasi von den Neubau-Bewohnern und den jungen Hipstern. Sind Sie es von den Gutmenschen?

Das glaube ich eigentlich gar nicht, nein. Ich hätte sogar geglaubt, dass Böhmermann übrigens durchaus auch ein Entertainer der Gutmenschen ist, das ist sein Publikum. Allerdings ist der Begriff des Gutmenschen ja prinzipiell einer, über den wir länger diskutieren könnten, aber wir machen das nicht. 

Wir können schon darüber diskutieren, denn die nächste Frage ist, warum sind Sie ein Gutmensch?

… ein gemeinsamer freudiger Moment auf der Bühne … Zunächst einmal glaube ich nicht wirklich, dass ich ein Gutmensch bin, aber ich werde als solcher gesehen. Was ist ein Gutmensch? Das ist der, der von denen, die sich rühmen, dass sie keine sind, als solcher bezeichnet wird, weil er ihr Gewissen nicht ruhen lässt. Ja? Also sie sind ihm eigentlich böse, weil er, ob er will oder nicht, ob er es drauf angelegt hat oder nicht, ihr Gewissen reizt und ausreizt. Bei denen, die andere als Gutmenschen bezeichnen, ist eine Gesinnung en vogue, die sich zugute hält, keine zu haben. Insofern sind diese Leute, die das Wort verwenden, besonders schuldig der Gesinnung, die sie anderen vorwerfen, denn sie dünken sich besser, weil sie anderen vorwerfen, sie wären die Guten, aber das stimmt für mich nicht. Ich glaube mich gar nicht gut. Die, die andere Gutmenschen nennen, werfen Leuten vor, in Wirklichkeit nur Heuchler zu sein, und fühlen sich dadurch besser. 

Dann würde ich gerne eine Frage vorziehen. 

Ich bleibe sitzen. 

Ja, wunderbar. Aber ich finde sie nicht, egal, sie kommt ja eh später. … das Publikum hat mit dem Zwischenfall eine lachende Freude … Machen wir weiter. Was können Sie noch, außer die Welt verbessern?

… wieder dieses Pause schaffende Räuspern, um dann so zu glänzen, wie er vorher schon so jungenhaft schelmisch gelacht hat … Naja, sie ein bisschen schlechter machen. … die Pointe dankt ihm das Publikum mit applaudierendem Lachen …

Inwiefern?

Durch meine bloße Anwesenheit. Nein, ich glaube ja nicht, dass ich da bin, um die Welt zu verbessern. Das ist ein bisschen groß.

Aber Österreich vielleicht. 

Nein. … jetzt hat er sich auf die Tonalität des Interviewgesprächs eingependelt, weil er jetzt wieder schelmisch aufgluckst … Ich verbessere manchmal die Laune der Leute im Raum. Manchmal aber mache ich sie auch ganz, ganz mies. 

Kommt wahrscheinlich auf den Raum an. 

Ja, und auf meine Stimmung. 

… um wieder ein bisschen vom Ironischen wegzukommen … Jetzt eine schon ernst gemeinte Frage. Wem helfen Sie mit Ihrem gesellschaftlichen Engagement? Denn das tun Sie ja schon, sich gesellschaftlich engagieren. 

Ich engagiere mich gesellschaftlich, das ist richtig. Aber ich glaube nicht, dass ich darauf abziele, jemandem zu helfen, außer, und das ist ganz ehrlich, ich helfe eigentlich mir selbst. Ich handle im Affekt. Das heißt, was ich sage, ist gar nicht drauf aus, originell zu sein, weil man ja eh weiß, also gerade vorher haben wir kurz darüber gesprochen. Beim Reinhold Mitterlehner war das hier ja spannend, denn bei ihm konnte man sich auf etwas gefasst machen. Der hat eine Kritik unter Umständen geäußert, also man wusste es ja nicht, bevor er nicht da saß. Und das war interessant zu sehen, wie weit der gehen würde. Bei mir ist es ja eh klar, dass ich dieser Regierung gegenüber sehr negativ stehe und dass ich sie sehr negativ bewerte. Insofern helfe ich mir selbst. Ich kann nämlich nicht anders. 

Mir geht es gut, wenn ich etwas schreibe, mit dem ich eins bin. Damals, im Jahr 2000, als ich sehr oft hier im Schikaneder war und es die Demonstrationen gab, da wurden wir die ganze Zeit gefragt: „Wieviele werden da sein, am 19. Februar.“ Das ist jetzt wirklich wahr. Ich sagte die ganze Zeit: „Ich sage keine Zahl.“ Und manche von uns taten es dennoch, weil es war ja nicht auszuhalten, irgendwann wird man aufs Glatteis geführt und dann sagt man eine Zahl. Ich sagte aber auch intern: „Und wenn ich alleine dort stehe, es ist mir egal. Ich gehe hin. Ich mach das. Aus.“ Und das stimmt auch, sogar Reporter von internationalen Medien, das waren ja viele, die da hergekommen sind, sogar die fragten mich ernsthaft, wann ich glaube, dass der Schüssel zurücktritt. Und auch viele Aktivistinnen und Aktivisten waren davon überzeugt. Ich aber war davon überzeugt, das wird er nicht tun. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich das jetzt tue, um jemand anderem zu helfen, sondern weil ich es tun musste. 

Das heißt, Ihr Antrieb sind Sie selbst.

Eigentlich schon. Und es war sehr anstrengend bei diesem gesellschaftlichen Engagement, denn dieses Engagement führte mich weg vom Schreibtisch. Weil jeder Satz, den ich mache, zum Hauptsatz wird, auch wenn er als Nebensatz gedacht ist. Das macht das Engagement und auch die politische Arbeit von Leuten, die das hauptberuflich machen, so schwer, weil man so wenig abwägen kann. Insofern bin ich sehr gern dann wieder am Schreibtisch.

Da fällt mir ein, Christoph Ransmayr hat einmal gesagt, weil Sie gerade erwähnt haben, wenn Sie nicht schreiben, dann müssten Sie sich aufteilen. Er hat einmal gesagt, bei Interviews hat er Standardantworten, denn es gibt nichts, was er schnell sagen könnte, was er vorher nicht schon viel besser geschrieben hätte. Bereiten Sie sich zuhause auf Fragen vor, um nicht aufs Glatteis geführt zu werden?

… eine kurze Nachdenkpause … Alle meine Antworten werden auf dem Grabstein stehen. Das ist jetzt nicht so, dass ich mir das vorher überlegt habe, sondern irgendwann einmal hat man diese Frage für sich festgeschrieben. Also ich glaube selten, dass ich mir die Antworten vorher überlege, weil bei den meisten Interviews weiß ich die Fragen ja doch nicht, und immer das selbe zu sagen, wird einem ja auch fad. Aber es gibt halt Antworten, die ich schon so oft gegeben habe, dass es merkwürdig wäre, von ihnen abzuweichen. 

Wurden Sie dann auch schon einmal gefragt, ob Sie Politiker werden wollen?

Ja, das wurde ich schon gefragt, aber nicht in einem Interview.

Das wäre dann also die nächste Frage. Warum trauen Sie sich nicht, Politiker zu sein. Es gab ja schreibende Politiker. 

Wer?

… tiefes, seufzendes Nachdenken des Fragenstellers … Also das habe ich jetzt einfach so spontan eingebaut. Ich bin mir sicher, es gab welche, bei den alten Römern sicher einige. 

… und aus dem Publikum ruft einer erlösend … Vaclav Havel. 

Danke, an den habe ich gedacht. Ich war mir aber nicht sicher, ob der nicht nur mit dem Saxophon gespielt hat. 

Der Vaclav Havel ist natürlich in einer ganz bestimmten Situation und in der Situation ist er kein Berufspolitiker, sondern er ist ein Symbol. Es gab einen bestimmten Moment in meinem Leben, bei dem habe ich mir das tatsächlich überlegt, da wurde ich gefragt … und ein Lachen, das verrät, dass er gerne verraten würde, wer ihn gefragt hat, aber er kann es nicht sagen, aber er würde so gern, wenn er könnte … aber ich werde jetzt nicht sagen, von wem …

Aber wann?

In den frühen Neunzigern wurde ich gefragt. Ich habe es mir auch überlegt. Es gab mehrere Gründe, warum nicht. Ein Grund war, der Zusammenhang mit meiner Identität in diesem Land. Ich hatte ein Misstrauen gegenüber dem Grund, warum ich gefragt werde. Aber es wäre alles okay gewesen, es war ja kein unmoralisches Angebot. Der Zweite war, dass dann tatsächlich ein Freund, den ich als Schriftsteller sehr schätze, sagte, dass er versteht, dass ich Nein sage, denn damit würde ich mein Schreiben verraten. Und erst da kam ich drauf, dass er Recht hat. 

Aber man muss ja heute nicht mehr zu einer Partei gehen, um Politiker zu werden, man kann ja auch eine Bewegung gründen. 

Ja, wir haben ja eine Bewegung gegründet im Jahr 2000. Wir waren aber trotzdem nicht wirklich Politiker. Das Interessante war, wir haben, also es waren damals im Zentrum dieser Gründung drei Leute, das war Isolde Charim, Robert Misik und ich, und dann kam noch Max Koch von SOS Mitmensch dazu, und einige andere, aber wir drei hatten uns sehr früh zusammengeschlossen. Ich glaube, wir waren uns schnell klar darüber, dass das nicht eine bleibende Rolle sein kann. Also für mich war das klar, dass ich nicht bleibend in dieser Rolle sein kann, weil ich schon vorher gesagt habe, dass man dann auf Hauptsätze festgelegt ist. Ich entspreche da aber nicht dem Bild. 

Jetzt kommt ein kurzer privater Block. Wann haben Sie zum ersten Mal gedacht, dass Sie vom Schreiben leben werden können? Also nicht, wann Sie sich entschieden haben, Schriftsteller zu werden, sondern wann haben Sie sich gedacht, es könnt sich ausgehen?

Das habe ich mir nicht gedacht und das ist auch so, dass ich nicht vom Schreiben lebe, sondern vom Leben schreibe. Ja, jetzt kann ich sagen, dass ich vom Schreiben lebe, aber ich weiß ja nicht, was nächstes Jahr oder übernächstes Jahr sein wird. Die Bedingungen werden in unseren Breiten sicher immer schwieriger und wir haben keine Garantie. Ich glaube, es ist zum Beispiel in Ungarn oder der Slowakei für Leute, die so schreiben wollen, schwieriger geworden. Wir wissen nicht, wie schwierig es noch wird. 

Wann zum ersten Mal mit dem Wiener Riesenrad gefahren?

Also das genaue Datum habe ich nicht mehr im Kopf, als kleines Kind, mit den Eltern. 

Wann zum ersten Mal Ski gefahren?

Als Volksschulkind und das erste Mal war ein Debakel.

Und heute sind Sie ein guter Skifahrer, so als Wiener?

Naja, ich fahre gerne Ski … ein Lachen geht durchs Publikum als wüssten sie alle viel mehr … Also wenn ich auf den Skiern stehe, dann fahre ich gern Ski. Es gab eine Phase, wo ich nicht auf die Idee gekommen wäre, das zu machen. Dann als Vater aber bin ich wieder gerne dazu gekommen. Ich habe übrigens einen Nom de guerre als Skifahrer.

Bitte, sagen Sie ihn. 

Also ich bin bei einer Bar gestanden, nach dem Skifahren, und eine Frau, die schon getrunken hatte, sagte: „Sie kommen mir bekannt vor. Ich kenne Sie von irgendwo.“ Und ich sagte: „Naja, kann sein, vielleicht.“ Und sie sagte: „Jetzt weiß ich genau, wer Sie sind. Sie sind der Slalom Albinovic.“ Die Geschichte ist wahr und andere haben das auch gehört. Ab dem Moment war ich sozusagen neu getauft für die Piste. 

Wann zum ersten Mal gedacht, dass Sebastian Kurz Bundeskanzler werden wird?

Naja, ich glaube, das hat sich so irgendwie als Möglichkeit im frühen Jahr 2016 gezeigt, dass das möglich ist, weil es Leute gab, die mir damit drohten. Also die sich das wünschten. Sie sagten: „Wenn der bei uns, dann …“ Aber sie haben ihn sich gewünscht. 

Haben Sie sich da nicht gedacht, das würde meine Geschäft beleben, als Kritiker?

… schon eine komische Frage, deshalb atmet er einmal tief durch … Nein, so denke ich nicht. Das ist tatsächlich nicht die Art und Weise, wie ich an Fragen herangehe. Mag schon sein, dass ich auch schon in meinem Leben ein Kriegsgewinner war, aber darauf habe ich es nicht abgezielt. Ich traf Sebastian Kurz einmal, das war Anfang 2016, stimmt das? Nein, Anfang 2017 war das? Die van der Bellen Wahl war ja Ende 2016?

Ja, die letzte. 

Genau, dann waren wir 2017 in einer Talkshow. Er war nachher ganz ungehalten. 

Ihnen gegenüber?

Ja, ich empfand mich wirklich nicht gut, aber er war mit sich selbst nicht sehr zufrieden. 

Also mit sich, nicht mit Ihnen?

Mit mir war er auch nicht zufrieden, aber er war, also er hat wirklich gesagt: „Mit Ihnen kann man ja nicht reden. Sie reden total faktenfrei.“ Und ich sagte: „Herr Außenminister, können Sie sich abregen, weil die Kamera ist schon abgeschaltet. Aber wenn Sie wollen, können wir googeln.“ Dann hatte ich in zwei Punkten von zwei Recht. 

Sie haben da einfach mit Sebastian Kurz gegoogelt. 

… der selbstverständlichste Ton der Welt … Ja, also er anscheinend auch, denn er sagte kurz danach: „Ja, ich weiß, Sie haben Recht gehabt.“ Und dann hab ich ihn gefragt: „Ich habe eine Frage. Haben Sie eigentlich van der Bellen nicht unterstützt aus persönlichen Gründen oder aus Parteidisziplingründen?“ Und er sagte so nebebei: „Beides.“ Und da sagte ich: „Tut es Ihnen leid?“ „Nein.“ Und das klang, als würde er sagen, mit Sahne oder mit Milch. Es war ihm wirklich egal, so wie er es ausdrückte. In dem Moment war es eigentlich klar: er legt es auf eine andere Koalition an. 

Eine gute Geschichte war das. Bleiben wir bei Ihnen. Was ist denn Ihre Aufgabe im Haushalt?

Ich bin die halbe Woche mit meiner Tochter allein. Da ist meine Aufgabe sozusagen das, was halt anfällt. 

Und was war das letzte Ding, das Sie selbst repariert haben?

… schmunzelnd die Frage wiederholend … Es gab da etwas. ich kann mich nur nicht erinnern. Aber ich weiß, es gibt Dinge, das ist interessant, es gibt irgendwas, das kann ich reparieren, immer wieder … großes Lachen im Publikum … es kommt halt drauf an, das man mit den Geräten nicht allzu viel zu tun weiß. Aber die Logik dahinter, die funktioniert schon bei mir. Insofern, manche Sachen kann ich doch, aber es erstaunt alle, und niemanden so sehr wie mich. 

« Der Antisemitismus gehört zu Österreich wie die Mozartkugel. »

Ach, hier ist die Frage, die ich vorher stellen wollte. Warum haben Menschen wie Sie, die die Welt ja nur zu etwas Besserem machen wollen, so ein schlechtes Image?

… schmunzelnd lehnt er sich zurück … Also der entscheidende Punkt ist, ich weiß gar nicht, ob ich die Welt zu etwas Besserem machen möchte. Ich glaube, eigentlich nicht. Es genügt schon, wenn mich die Welt nicht zu irgendetwas machen möchte, was ich schlechter finde. Ich habe das ja schon eigentlich beantwortet. In Wirklichkeit habe ich gar nicht so ein schlechtes Image. Also es ist wirklich erstaunlich. Ich hab zum Beispiel ein Buch geschrieben, da habe ich mich über Religiöse lustig gemacht. Ich war davon überzeugt, dass Leute, die in meiner Umgebung sind, jüdische Religiöse, die nicht weit von mir wohnen, ich war davon überzeugt, die werden böse sein auf mich. Die fanden das Buch aber gut. Es ist also nicht so, dass ich darunter leide, gehasst zu sein, obwohl ich schon zugebe, dass es Leute gibt, das weiß ich schon, die mich weniger gern einladen. 

Bis ins Kanzleramt scheinbar. 

Vielleicht, kann sein, es wird schon Leute geben, mit denen werde ich nicht so schnell mehr Freund werden. … schmunzelnd gibt er sich selbst mit einem Lachen recht … Macht ja nix. Aber ich glaube, ein Teil dessen ist vielleicht in der Frage angelegt, dass die das Gefühl haben, dass solche Leute ihnen ihr gutes Gewissen rauben, das könnte schon sein. Dass man Sachen ausspricht, die unangenehm sind. Es gab eine Zeit, da war es unangenehm, zu sagen, dass der Antisemitismus zu Österreich gehört wie die Mozartkugel. Heutzutage ist das keine große Geschichte mehr. Aber in den 80ern war das noch so. Es genügte damals zu sagen, Österreich ist die Widerlegung der geotektonischen Erkenntnis, dass ein Sumpf keine Gipfel hat. Heute ist das nicht mehr so besonders. Heute ist es klar, es ist einzuordnen. Es ist auch klar, dass der, der das sagt, also ich, Teil dieser Landschaft ist, indem er das sagt. Aber damals gab es solche Kulturkämpfe. 

Ich habe in einem Interview mit Ihnen gelesen, dass Sie sich als Störfaktor bezeichnet haben. 

Na gut, aber das waren, …

… Wenn Sie sagen, Sie sind heut ein Teil dieser Landschaft und in den 80ern war das noch ein Problem …

Nein, ich war auch in den 80ern ein Teil dieser Landschaft. Ich sage ja nur, die Landschaft, also wir, sind auch Teil dieser Landschaft, auch die Gegenkräfte sind Teil dieses Settings. Jede Macht, so wie jeder Stromkreis, kann nicht ohne Widerstand gedacht werden. Das steckt im System drinnen. 

Empfinden Sie sich dann noch als Störfaktor?

Manche Autofahrer finden, dass ich ein Störfaktor bin, wenn ich hinter dem Steuer sitze. … so wie er lacht, scheint das wirklich auch zu stimmen … Nein, aber ja, natürlich, manchmal bin ich ein Störfaktor. Ich kann aber schwer darüber befinden, ob ich selber einer bin. 

Dann gehen wir zum Kaffee. Ein paar Entscheidungsfragen. Espresso oder Filterkaffee?

Espresso.

Kugelschreiber oder Füllfeder?

Kugelschreiber.

Venedig oder Sylt?

Venedig. 

Ach. Ich hätte Sylt gesagt. … Unverständnis kommt von DRs Gesicht blickend … Da war ich noch nicht. Ich stell mir das schön vor. 

Na, ich sage nicht, dass ich nie nach Sylt fahren würde. Aber wenn ich heute die Wahl hätte, Venedig. 

Im Winter würde ich Sylt sagen. Das stelle ich mir noch romantischer vor. 

… sympathisch lächelnd auf seinem Standpunkt beharrend … Ich würde im Sommer und im Winter Venedig sagen. Aber nach drei Wochen Venedig würde ich sagen, … etwas gönnerhaft mit einem Augenzwinker … ein paar Tage Sylt. 

Beruf oder Berufung?

Das verstehe ich nicht.

Auf welche Seiten würden Sie sich eher schlagen: Haben Sie einen Beruf oder eine Berufung?

Der Beruf ist eine Berufung in meinem Fall, wobei, wer hat mich berufen. Aber ja, höchstwahrscheinlich ist das so. 

Reden oder zuhören?

… lacht wieder mit diesem schelmenhaften Spitzbubenlachen auf … Erwischt. 

Könnten wir es auf Ton haben, wo ich Sie erwischt habe. 

Also erwischt, dass ich nicht zu wenig rede. … und das Publikum freut sich mit ihm …

Ich würde Sie jetzt gerne mit vier Zitaten konfrontieren, weil es passend ist zu „Alles kann passieren“ ist. Ein Zitateteil. 

Ich muss eine Sache kurz hinzufügen. Das ist sehr wichtig. Erstens: „Alles kann passieren“ ist nach der Idee und gemeinsam mit Florian Klenk entstanden. Zweitens, ja, ich habe das zusammengestellt, aber es gibt am Anfang und am Ende ein paar Sätze, die ich selbst noch dazugeschrieben habe. 

Das erste Zitat und ich verrate nicht von wem, aber ich sage es im Nachhinein. „Ich verändere die öffentliche Meinung, das ist es, was ich seit 20 Jahren mache.“ Könnten Sie das sagen, unterschreiben oder erst dann nicht mehr, wenn Sie wissen, von wem das kommt. 

Ich kann das für mich nicht unterschreiben. 

Das hat Nigel Farage 2017 gesagt. 

„Wir leben inmitten einer großen Evolution. Es kehrt so etwas wie ein europäisches Bewusstsein wieder. Die Menschheit reicht weiter als die Fahne des Landes.“

Es wäre schön, wenn man es sagen könnte. 

Das hat Carl von Ossietzky in Juni 1918 gesagt. Nächstes: „Ist die Demokratie gefährdet? Ernsthafte Gründe für die ganz große Aufregung gibt es nicht.“

Kann ich nicht unterschreiben. 

Glauben Sie, dass es jetzt jemand sagen könnte, in Österreich?

Es gibt Leute, die sagen, dass es keine ernsthafte Gefährdung gibt. Ich halte das aber für falsch. 

Das Zitat stammt von Martina Salomon, aus dem Sonntags-Kurier vom 16. Dezember 2018. 

Aber vielleicht können wir darüber kurz reden. In den 80ern war das so, dass sich die Leute vor den nuklearen Waffen irrsinnig gefürchtet haben. Die Proliferation [Anm. d. Red. Weitergabe von Atomwaffen oder Mitteln zu deren Herstellung], wenn wir nur darüber nachdenken, wieviele Länder nukleare Waffen haben, hat eher zugenommen. Dann kommen noch andere Entwicklungen hinzu, von denen man in letzter Zeit spricht, die Klimakatastrophe, aber auch die Krise der Demokratie. Also das unterschreibe ich sicher nicht. 

Da geht es mir gleich. Letztes Zitat: „Meine Aufgabe ist es, Texte zu schreiben und nicht irgendwelche Politik zu erklären.“

… jetzt denkt er das erste Mal lange nach … Als Schriftsteller?

Als Doron Rabinovici.

… jetzt denkt er ein zweites Mal lange nach … Ja, das kann ich unterschreiben. 

Das ist gut, denn das ist von Ihnen. … jetzt lachen wir alle gemeinsam ohne Pause …

Wieder ein kleiner Teil entweder-oder. Flugzeug oder Auto?

… lacht laut auf, warum erfahren wir aber nicht, vermutlich wegen des Störfaktors Rabinovici im Straßenverkehr … Ich selber lieber nur das Autofahren. 

Und vom Umweltgewissen her.

Doch, doch, ich fliege auch … mit schlechtem Gewissen. Ich bin eben kein wirklicher Gutmensch. Nein, nein, ich muss ja manchmal fliegen, ich könnte anders meine Mutter nicht besuchen.

Gutmenschen könnten ja sagen: „Die anderen sollen verzichten, aber ich muss wirklich fliegen.“ … er dankt es mit einem Lachen … Car2Go oder E-Scooter?

Eher Car2Go.

Badehose oder gar nicht baden?

Badehose oder gar keine Badehose.

Das habe ich mir nicht getraut, zu fragen. … und wieder das helle Spitzbubenlachen … Spritzer oder Apfelsaft?

Apfelsaft, weil wenn Wein, dann ohne G’spritzt. 

Sparbuch oder Aktien?

Sparbuch. 

So konservativ?

Ja, schon, aber ungern, es wär schon lustiger, wenn man …

Man kann ja auch mit wenig. Ich weiß ja nicht, mit wieviel, aber es müssen ja keine Hunderttausende sein. 

Naja, Sparbuch.

Jetzt kommt das Themenfeld Europa und ich, von wegen zuhören oder reden, höre Ihnen sehr gerne zu. Ein paar Erklärungen bitte. Mir sind meine Freunde aus der Studienzeit aus London oder Kairo oder Damaskus näher als meine Volksschulkollegen. Was ist denn falsch mit mir? Diese Frage muss ich mir heute, 2018, stellen lassen in Österreich. 

Wieso? Das verstehe ich jetzt gar nicht. Warum ist da was falsch dran? Also bei Ihnen ist das wirklich so, dass die Leute, die Sie aus verschiedenen Ländern kennen, Ihnen näher sind …

Ja, wenn ich mich mit denen unterhalte, dann teilen wir mehr miteinander, ob es jetzt vom Politischen, vom Glauben an die Zukunft oder von den Einstellungen und Werten her ist, da teile ich mit denen mehr, die quasi von einer fremden Kultur kommen, als mit denen, die aus dem selben Dorf kommen. 

Und Sie kennen auch die Leute aus der Volksschulzeit?

Ja, von denen wird mir zugeschrieben, dass das nicht normal ist, teilweise, also einzelne. 

Und das bedeutet aber schon etwas. Ich kenne das ja so nicht, weil ich mit den Leuten aus meiner Volksschule gar nicht mehr zusammentreffe. Ich wüsste nicht mehr, was aus denen geworden ist. Bei einer Person, bei zwei Personen, da weiß ich es noch, aber die habe ich schon seit Jahren nicht mehr gesehen. Das ist eine ganz andere Situation. Wir leben in einer Zeit, in der ein Teil von uns die Diaspora als Luxus lebt, was früher so nicht der Fall war. Wir haben als Schicht dann mehr miteinander zu tun, egal von wo wir kommen, und das kenn ich auch. Also dass man zum Beispiel nach Indien fährt und dort Falafel isst, mit jemandem, der aus Teheran ist, und sich gut mit ihm unterhält. Das ist etwas, was uns einerseits eint und ein neues Gefühl bedeutet, andererseits vielleicht andere Leute zurücklässt. Das ist eine Tatsache, aber auch eines der Probleme, mit denen wir umgehen müssen. 

Mir ist in den letzten Wochen etwas aufgefallen. Da war eine Rede eines AfD Politikers, der diese Weltbürger, die, die sich überall zuhause fühlen, als neues Angriffsziel erklärt hat. Das spielt ja mit alten Vorurteilen und das kennt man ja schon von anderen Ideologien, die auch die Weltbürger, also die, die keine Heimat haben und schlecht sind für diese jeweilige Volksgemeinschaft …

Ja, da muss man nicht in die AfD gehen, da kann man ja in unsere Regierung gehen. Es handelt sich hier um zwei verschieden Sachen. Das Eine ist, das ist wirklich eine Frage, wie leben wir im Unterschied zu anderen Leuten, die dieses Leben nicht teilen, und die darauf schauen. Und das ist eine Frage, mit der man sich real auseinandersetzen kann. Wobei auch die Leute, die im Dorf oder wo auch immer leben, sind ja Teil des Internets und der Medien und haben auch ihre Freunde in verschiedenen Bereichen jenseits des Dorfes. Aber ich gebe zu, das muss man sich ganz konkret anschauen. 

Das aber, was diese Leute meinen, die, die Politik machen mit dem Begriff Heimat, das ist ganz etwas Anderes. Das sind Leute, die kümmern sich nicht um die Probleme der Menschen, sondern die reden vom Volk als ein stehendes Bild, gegen die Menschen. Denen geht es nicht um Bevölkerung sondern um Volk. Denen geht es nicht um die Leute sondern um Abstammung, um das Nationale. Und letztlich sind das, wie wir ja an unserer Regierung sehen, durch und durch Rassisten. Für die sind dann diese sogenannten Weltbürger ein Symbol. Sie können unter Umständen sogar jemanden meinen, aber es ist nicht wichtig, ob diese Person wirklich ihrem Bild entspricht. Sie operieren nur mit Feindbildern. 

« Der Nationalstaat funktioniert nicht. »

Kann es eine gemeinsame europäische Öffentlichkeit oder Identität geben, wenn doch so sehr die gemeinsame Sprache fehlt. Glauben Sie, dass das möglich ist, dass sich so etwas herausbildet?

Ich glaube, es ist möglich, aber es ist noch nicht vorhanden. 

Braucht es dazu eine gemeinsame Sprache? Weil Sie haben zuvor gesagt, wenn Sie sich mit Bekannten treffen aus Mumbai oder woher auch immer, dann sind ja auch verschiedene Kulturkreise involviert, aber man findet das Gemeinsame.

Weil wir dann Englisch reden. Die Voraussetzung ist, dass man eine Lingua franca hat, dass man gemeinsam eine Sprache beherrscht. Ich kann mir schon vorstellen, dass das funktioniert. Es funktioniert auch dann, wenn man gemeinsame Interessen hat, gemeinsame Organisationsformen. Man hat ja auch einen gemeinsamen Markt und wenn man einen gemeinsamen Markt hat, dann ist klar, dass es auch gemeinsame Interessen geben wird und gemeinsames Zusammenarbeiten geben muss. 

Welche positiven Narrative könnte die EU denn noch erzählen, außer dass es seit über 70 Jahren Frieden gibt, ein hoher Lebensstandard für alle Menschen in Europa da ist, Freiheit des Einzelnen gegeben ist, um endlich geschätzt zu werden. Was muss sie denn noch alles liefern?

Nichts. 

Warum wird die EU aber nicht geschätzt? Es gibt ja verschiedene Statistiken. Die einen sagen, dass heute eine ähnliche Zustimmung zur EU vorherrscht wie 1995; es gibt aber auch Statistiken, die nur noch von 20 Prozent Zustimmung sprechen. 

Naja, ich glaube, dass es prinzipiell genügt, also es genügen diese Narrative, dass es keinen Krieg gibt und dass das ein Ausnahmezustand ist für die Geschichte dieses Erdteils und dass wir rechtsstaatliche Kooperationen haben, dass wir gewisse Garantien haben, dass die EU verbunden ist mit Garantien, dass sie für mehr steht als für das, wofür sie gegründet worden ist. Beispielsweise erst als Spanien, Portugal und Griechenland demokratisch geworden sind, konnten sie auch aufgenommen werden. Das ist damit verbunden. Das prägte dann aber auch die weitere EU, dass man Teil sein musste, von so einem demokratischen Zusammensein. Das sind schon alles Narrative, die genügen. Auch dass es nach 1999 erweitert worden ist, als Projekt der Demokratisierung. All das genügt. 

Das aber, was bei der EU fehlt, das ist nicht das Narrativ, es fehlt, dass es konsequent weitergeführt wird, dass man sagt, das Europäische Parlament, die Europäische Politik ist eine Priorität; und nicht dass die EU so aufgebaut ist, dass ein Land gegen ein anderes Land agieren kann, dass jeder einzelne Politiker, jeder einzelne Populist sagen kann: „Ich habe nichts damit zu tun, was ich in Brüssel mitbestimmt habe.“ Ich glaube, dass man die ein und dieselben Leute, ja, ein und denselben Menschen auf verschiedene Art und Weise befragen kann und man andere Antworten bekommt. Wenn ich jemanden frage, eindeutig als Italiener im Unterschied zu einem Österreicher, dann bekomme ich eine ganz bestimmte Antwort. Wenn ich sie als Europäer frage, wenn ich sie als sozial-denkende Menschen befrage, dann bekomme ich nochmals andere Antworten. Ich glaube, das, was wir bräuchten, ist kein anderes Narrativ, sondern sind gemeinsame Institutionen, die diesen Kontinent weiter demokratisieren, und die soziale Institution verstärken, auch gewerkschaftliche Zusammenarbeit über die Grenzen hinaus. Weil der Nationalstaat funktioniert ja nicht. Und der Grund, warum die Nationalisten stärker werden, ist ja eben jener, dass der Nationalstaat nicht funktioniert.

Aber dann müsste ja der Nationalstaat die Kompetenzen auf die EU-Ebene abgeben. 

Ja.

Machen sie aber nicht. 

Stimmt und das stärkt die Nationalisten, weil nämlich der Mangel im Nationalstaat gespürt wird. Die Leute sehen, dass ihre Lebenswelt von der Politik nicht beantwortet wird, nicht kontrolliert wird, dass wirtschaftliche Interessen, die größer sind als der Nationalstaat, ungehemmt weiter arbeiten können. Es bräuchte eben zum Beispiel soziale Regelungen und auch Steuerprogramme über die nationalen Grenzen hinaus. Wir sind in einer Situation des Nicht-mehr und Noch-nicht. Und das ist nicht das erste Mal, dass in solch einer Phase die Kräfte des Ressentiments stärker werden. 

Ist das vielleicht auch der Grund, warum die Mauern an den EU-Außengrenzen hochgezogen werden oder versucht werden hochgezogen zu werden, damit man es aushält, dass innereuropäische Grenzen fallen?

Das glaube ich nicht. Ich glaube, dass das Wort Außengrenzen schon verräterisch ist. Sie werden auch in einem geeinten Europa nicht fallen. Die EU ist nicht die Antwort auf alle universalistischen Fragen. Das heben wir uns für dann auf, wenn wir die Fragen mit der EU gelöst haben. Der Punkt ist, ich weiß ja nicht, ob man diese Fragen lösen kann oder wie es weitergeht. Ich weiß nur, das Wort Außengrenzen heißt, dass ich von Innengrenzen ausgehe. Wenn ich Außengrenzen sage, dann sage ich das ja nicht beim Beispiel die Außengrenzen Frankreichs oder Österreichs. Ich könnte es ja auch sagen, aber das sagt man bezeichnenderweise nicht. 

Wann zum letzten Mal die Fenster geputzt. 

Pfhhh. 

Die Frage ist mir eingefallen, als ich beim Fragenüberlegen meine Fenster angesehen habe. 

Also ich habe sehr hohe Fenster. 

Ich auch und schräg. 

Ich kann die nicht putzen. Die sind zu hoch. Einmal in vielen Jahren leiste ich mir einen Fahrradfensterputzer, der kann raufsteigen, ohne dass er runterfällt. Dazwischen wird es immer dunkler.

Ich hoffe ja immer auf Schneefall, dass es runtergewaschen wird. Weiter. Wann zum letzten Mal einen peinlichen Witz erzählt. Machen Sie so etwas?

Naja, die Frage ist, was ist peinlich. Ich erzähle die ganze Zeit Witze und manchen ist es peinlich. Soll ich?

Wir können es austesten. … der Saal lacht schon einmal vorab …

Manchmal erzähle ich peinliche Witze, weil ich ja weiß, dass die, die sie jetzt hören, wissen, dass ich weiß, dass sie peinlich sind. Aber ich glaube wirklich, dass ich schon jahrelang keinen Witz erzählt habe, das glaube ich jetzt, aber es kann sein, dass ich mich irre, jedenfalls nicht ans falsche Publikum erzählt habe, das nicht gewusst hat, dass der Witz über mich war. Also wenn ich einen peinlichen Witz erzählt habe, dann im Bewusstsein dessen, dass ich mich über mich selbst lustig mache, als würde ich einen peinlichen Witz erzählen. Ist das klar?

… alle lachen, aber zur Sicherheit wird nochmals nachgefragt … Ja, also sind Sie ein guter Witzeerzähler?

Das weiß ich nicht, aber ich bin einer, der gerne Witze erzählt, und andere sagen, dass ich ein guter Witzeerzähler sei. 

Sie wohnen im zweiten Bezirk. Wann waren Sie zum letzten Mal im elften Bezirk in einem Beisl, bei den echten Leuten?

… schluckt lachend auf, so hört es sich zumindest an, als sei es eine Erinnerung … Ich weiß es nicht, ich kann es nicht sagen, weil als ich hineingegangen bin, dann habe ich nicht vorher auf das Straßenschild geschaut, wo ich gerade bin. Es wird aber höchstwahrscheinlich schon lange her sein, weil ich bin die ganze Zeit mit den unechten Leuten im zweiten Bezirk. … der Saal lacht auf, mit oder ohne schlucken, aber alle erkennen sich irgendwie selbst in der Aussage …

Wann zum letzten Mal überlegt, mit dem Schreiben und Engagieren aufzuhören und endlich ein ruhiges, richtiges leben zu führen?

Nein, das Schreiben wäre das richtige und ruhige Leben, blöd ist nur das Engagement. Nein, ich schreibe immer und im Affekt. Das heißt, auch das Engagement gehört dazu. Es lässt sich nicht trennen. Ich nehme mir jeden Tag vor, dass ich es trenne. Ich nehme mir jeden Tag vor, ich schreibe heute nur, ich will in Wirklichkeit nur den Roman schreiben oder ich möchte nur das und das tun. Und dann lese ich etwas, das mich so sehr aufregt, dass ich doch etwas anderes schreibe. Oder es kommt jemand mit einer Idee, wo ich nicht Nein sagen kann. Vor ein paar Monaten sagte mir mein Freund Natan Sznaider: „Machen wir eine neue Auflage unseres 2004 herausgegebenen Bandes ,Neuer Antisemitismus’.“ Und ich sagt: „Gut, nennen wir es nicht mehr ,Neuer Antisemitismus? Eine globale Debatte’ sondern ,Neuer Antisemitismus. Fortsetzung einer globalen Debatte’. Kommt jetzt im Februar raus, 500 Seiten dick, eine Arbeit, die mich viel aufgehalten hat. Dann sagt der Florian Klenk am Telefon, nachdem wir ein paar peinliche Witze erzählt haben, dass man diese ganzen Wahnsinnsreden auf die Bühne bringen müsste. Dann sage ich: „Das ist eine gute Idee.“ Er: „Der Doron hatte eine gute Idee.“ Und so geht das dahin und da kann ich es nicht trennen, was das Schreiben ist und was Engagement. Das ist der Vorteil des Schreibens, weil auch das Schreiben des Romans kann, wenn es gelungen ist, ein sehr engagiertes Dasein sein. Eigentlich wäre es das Beste, wenn es ein Roman ist, denn es kann ja kein unpolitischer Roman sein. Das kann gar nicht sein. 

Warum?

Weil jedes Schreiben, auch das unpolitische, ein politisches Schreiben ist. Umgekehrt geht es aber auch nicht. Das habe ich übrigens auch schon einmal gesagt, falls Sie es gelesen haben sollten, verzeihen Sie es mir. Wenn jemand sagt, Spaß muss sein, dann hört er eigentlich dort schon wieder auf. Deswegen jemandem vorzuschreiben, dass er politisch schreiben muss, geht nicht. Das ist ein Diktat und wäre eben keine Befreiung. Umgekehrt ist es aber so, dass Doron Rabinovici in diesem Land, wenn er auf Deutsch schreibt, also in einer Sprache, in der es Menschen wir mich gar nicht mehr geben sollte, nach dem Willen der Mörder und mancher ihrer Nachkommen, das ist bereits politisch. Jedes Gedicht über ein Edelweiß wäre bei mir kein Gedicht bloß über eine Blume. Jedes Schreiben über eine blaue Blume ist immer auch bei mir ein Schreiben über die Kornblume oder Vergissmeinnicht, also hochpolitisch in diesem Land. 

Nach dem hochpolitischen Teil kommen jetzt zwei Allerweltsfragen zum Schluss. 

Zum Glück. 

« Es erstaunt mich, wie man an Globuli glauben kann. »

Ist die Realität denn so abstrus, dass es Fake News schon so leicht haben?

Das ist gar keine unpolitische Frage, aber bitte. Ich glaube, dass sich viele Leute denken, dass das, was passiert, für sie unerklärlich ist. Dadurch kommen Verschwörungstheorien leichter auf. Ein anderer Grund wird wohl sein, dass durch die technischen Möglichkeiten, die uns alle zu Usern und Producern machen, dass wir dadurch auch leichter in diese Fake News Schleife hineinkommen. 

Das würde aber ein ganz schlechtes Licht auf die Bildungspolitik der letzten Jahrzehnte werfen. Wobei da wurde ja immer gesagt: „Ihr müsst hinterfragen. Glaubt nicht alles.“ Und jetzt ist es so, man glaubt nichts mehr. 

Also die meisten Leute waren zu einer Zeit in der Schule, als es diese neuen sozialen Medien noch gar nicht gegeben hat. Das heißt, die Bildungspolitik konnte das gar nicht voraussehen. Wir brauchen in Wirklichkeit eine neue Bildungspolitik, weil die Medien ganz anders sind als sie früher waren. 

Aber es gibt ja Fake News, die widersprechen ja nicht nur der Logik sondern auch der Grundkenntnis von Physik.

Ja, übrigens sehr interessant, also mich regt das auf, mich ärgert das. Ich bin im engsten Freundeskreis, im engsten Freundeskreis, dann konfrontiert mit Gegenmeinungen. 

Welcher Art?

Zum Beispiel, ich habe nichts dagegen, wenn jemand Globuli nimmt oder mir welche gibt, aber ich glaube nicht daran. Das hat mich immer schon erstaunt, wie man daran glauben kann. Was übrigens gerade bei kritischen und progressiven Kreisen durchaus en vogue war, heute weniger als vor zehn, zwanzig Jahren. 

Es war en vogue, daran zu glauben?

Ja, daran zu glauben als eine andere Form der Medizin, erwachsend sicher aus einem berechtigten Zweifel an manchem medizinischen Verfahren oder an Leuten, die professoral daherkommen. 

Aber mit Fake News auch, zum Beispiel wird in Russland geglaubt, dass es in Europa eine Homo-Lobby gibt, die in einem Berg sitzt in den Alpen und die EU steuert. Da gibt es Leute, die glauben daran. 

Jaja, ja, aber das widerspricht jeder Logik, natürlich. Das widerspricht allem. Das ist mehr als Fake News. Das sind doch leidenschaftliche Weltverschwörungstheorien. Ich bin ja ein Objekt dieser Theorien, ohne dass ich je wollte, also am Antisemitismus habe ich keinen Anteil. Den gab es schon, bevor ich auf der Welt war. Wenn der größer wird, dann habe ich auch nichts damit zu tun. Trotzdem ist es so, dass es hunderte Millionen Menschen gibt, die glauben, dass die 15 Millionen Juden die Welt regieren. Weil sich höchstwahrscheinlich vieles nicht erschließt oder erklärt für viele Leute und weil sie deshalb wohl so eine finstere, dunkle Macht phantasieren müssen. Dadurch, dass das so eine kollektive Kraft hat, hat es noch tiefere Gründe, aber das können wir nicht so schnell abhandeln. Aber es hat zugenommen. Fake News haben zugenommen in der letzten Zeit, was mit den technischen Möglichkeiten zu tun hat. Es gibt aber noch einen Grund und zwar, dass der Glaube an einen positiven Ausgang abgenommen hat. 

Herbert Kickl hat vor zehn, zwölf Jahren gesagt, dass er glaubt, dass Politik in Pendelbewegungen verläuft und er kann einfach abwarten, denn irgendwann schlägt das Pendel auf seine Seite. Können wir uns also zurücklehnen und sagen: „Okay, wir erleben ein 1968 von der Gegenseite und es geht sich schon aus in 50 Jahren.“ Oder lieber nicht nach hinten lehnen und warten?

Die Frage ist erstens einmal, inwieweit uns dieses Pendel trifft? Dann wäre auch noch die Frage: Zwischen 1968 und Jetzt sind jetzt 50 Jahre vergangen. Ich bin jetzt 57 … also wenn ich 107 bin, naja, nein, ich glaube, dass wir in einer Situation sind, in der wir sehr ernsthaft über Fragen diskutieren müssen. Dieser Innenminister, dieser Kickl, den Sie da gerade zitiert haben, der hat doch gesagt, als man ihn mit der Tatsache konfrontiert hat, dass ein Neonazi in der Sicherheitsgruppe des Parlaments gearbeitet hat, da hat er einfach gesagt, dass Neonazi kein Straftatbestand ist. Das waren seine Worte. Das ist die selbe Partei, die als Verwaltungsgerichtshofspräsidenten den Herrn Keyl einsetzen wollte … in dem Moment, als er Keyl sagt, bellt ein Hund laut und beginnt zu knurren … bei Keyl hat er geknurrt, also der hat gesagt, dass Deserteure Verräter sind, das hat er gesagt. Ich muss wirklich sagen, nein, da können wir nicht warten. Da gilt es, die eigenen Interessen und den eigenen Freiraum zu verteidigen.

Da ist mir eingefallen, der Bundeskanzler hat auch gesagt, also wir wollen als Feuilletonjournalistinnen und -journalisten Distanz wahren, aber das muss man ja schon sagen, er sagte sinngemäß: Vor drei Jahren wurden meine Meinungen noch als rechtsradikal bezeichnet und heute sind sie normal. Das man über diesen Satz nicht mehr diskutiert hat oder dass dieser Satz ihn selbst nicht trifft, wundert mich doch. Aber ja, warten wir auf das Pendel. 

Naja, ich warte nicht. 

Letzte Frage: Seit Jahren engagieren Sie sich stark und konsequent aber ruhig und nicht untergriffig. Unsere Kurz gefragt-Gespräche stellen wir in das selbe Licht. Was antworten Sie Menschen, die von unserer Veranstaltung hier subversiveres oder umwälzenderes Potential fordern?

Bessere Leute einladen. 

Gut, so einfach geht es. Vielen Dank für das Gespräch. 

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